Pflegegrad bei Demenz: Was statt der alten Pflegestufe zählt
Weder Diagnose noch Stadium geben automatisch einen Pflegegrad. Wie Demenz in Modul 2, 3, 4 und 6 zählt, was aus der alten Pflegestufe wurde, wann Pflegegrad 3 erreichbar ist und wie Angehörige den Vorführeffekt bei der Begutachtung auffangen.
Eine Demenz-Diagnose führt nicht automatisch zu einem Pflegegrad, auch nicht ein bestimmtes Stadium. Der Medizinische Dienst bewertet, wie selbständig der Mensch im Alltag noch ist und wie oft er Hilfe durch andere braucht. Kognitive Beeinträchtigungen zählen dabei ausdrücklich mit (§ 14 Abs. 1 SGB XI).
Pflegestufe bei Demenz: Was sich 2017 geändert hat
Bis Ende 2016 gab es Pflegestufen nach Minuten Grundpflege; bei Demenz konnte zusätzlich eine „erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz“ (§ 45a a. F.) festgestellt werden. Zum 01.01.2017 wurden diese Fälle mit doppeltem Stufensprung übergeleitet: ohne Pflegestufe in Pflegegrad 2, Stufe I in 3, II in 4, III in 5 (§ 140 Abs. 2 SGB XI). Heute gibt es nur noch Pflegegrade – Minuten spielen keine Rolle mehr (Zeitaufwand-Tabelle).
Pflegegrad bei Demenz: Welche Module zählen
| Modul | Was dort bei Demenz zählt (Beispiele) | Gewicht |
|---|---|---|
| 2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Personen erkennen (2.1), örtliche (2.2) und zeitliche Orientierung (2.3), Erinnern (2.4), mehrschrittige Alltagshandlungen steuern (2.5), Risiken erkennen (2.8) | 15 % – zusammen mit Modul 3, nur der höhere Wert zählt |
| 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | Umherlaufen, Weglaufversuche (3.1), nächtliche Unruhe (3.2), Abwehr von Pflege (3.8), Horten oder Nesteln (3.13) | s. Modul 2 |
| 4 Selbstversorgung | Waschen, Anziehen, Essen, Trinken – auch wenn „nur“ Aufforderung, Anleitung oder Beaufsichtigung nötig ist | 40 % |
| 6 Alltagsleben und soziale Kontakte | Tagesablauf (6.1), Ruhen und Schlafen (6.2), Sichbeschäftigen (6.3), Planungen (6.4) | 15 % |
- Modul 2 oder 3: Es fließt nur der höhere gewichtete Wert ein, höchstens 15 Punkte (§ 15 Abs. 3 SGB XI). Wie die Punkte entstehen: Pflegegrad-Punkte-Tabelle.
- Modul 3 nach Häufigkeit: nie oder sehr selten 0, ein- bis dreimal in zwei Wochen 1, zweimal bis mehrmals wöchentlich (nicht täglich) 3, täglich 5 Einzelpunkte (Anlage 1 SGB XI). Gezählt wird, wie oft deswegen jemand eingreifen muss. Ein Verhalten, das nach Aufforderung aufhört, aber immer wieder auftritt, weil die Person sich nicht erinnert, gilt als nicht selbst gesteuert (BRi Kap. 5.9.3).
- Modul 4, Anleiten zählt: Muss jemand zum Waschen aufgefordert werden, ist das „überwiegend selbständig“; braucht es umfassende Anleitung oder ständige Beaufsichtigung, „überwiegend unselbständig“ (BRi Kap. 5.8.3). Schwankt es, zählt der Wochenverlauf, nicht nur der gute Tag.
- Modul 1 Mobilität erfasst nur Motorik wie Kraft, Gleichgewicht und Koordination, nicht die Folgen der Demenz (BRi Kap. 5.9.1). Wer körperlich fit ist, bekommt dort wenige oder keine Punkte.
Ähnlich aufgebaut, aber mit Blick auf Depression und Ängste: Pflegegrad bei psychischer Erkrankung.
Wann bekommt man Pflegegrad 3 bei Demenz?
Pflegegrad 3 gilt ab 47,5 Gesamtpunkten (§ 15 Abs. 3 SGB XI). Modul 2/3 und Modul 6 bringen zusammen höchstens 30 Punkte – mindestens 17,5 weitere müssen aus Mobilität, Selbstversorgung oder Modul 5 (Medikamente, Arzttermine) kommen. Ein ausgedachtes Rechenbeispiel, keine Prognose:
| Modul | Einstufung im Beispiel | gewichtete Punkte |
|---|---|---|
| 1 | Treppensteigen „überwiegend selbständig“ = 1 | 0 |
| 2 | Orientierung, Erinnern, Alltagshandlungen, Risiken eingeschränkt = 10 | 7,5 – zählt nicht, Modul 3 ist höher |
| 3 | Umherlaufen häufig (3) + nächtliche Unruhe häufig (3) + Abwehr selten (1) = 7 | 15 |
| 4 | Oberkörper, Kopf und Intimbereich waschen, Ober- und Unterkörper anziehen, Essen zubereiten nach Aufforderung (6 × 1), Duschen mit umfassender Anleitung (2), Essen (3) und Trinken (2) nur mit Aufforderung = 13 | 20 |
| 5 | Medikamente dreimal täglich durch Angehörige = 1 | 5 |
| 6 | Tagesablauf, Schlafen, Beschäftigung, Planungen eingeschränkt = 11 | 11,25 |
| Summe | 51,25 → Pflegegrad 3 |
Im Beispiel entscheidet also Modul 3 über Pflegegrad 2 oder 3 – deshalb sollte die Häufigkeit gut belegt sein. Mehr zu Leistungen und Geld: Pflegegrad 3. Nach dem Regierungsentwurf soll Pflegegrad 3 für Anträge ab 2027 erst ab 50 Punkten gelten (Art. 1 Nr. 16). Die Punktbereiche für Modul 2 und 3 bleiben gleich, die für Modul 1, 4 und 6 ändern sich (Art. 1 Nr. 89). Im Beispiel blieben es 51,25 Punkte (Stand 16.10.2026, nicht beschlossen).
Tragen Sie die Einstufungen aus dem Gutachten in den kostenlosen Pflegegrad-Rechner ein: Sie sehen die Punkte je Modul, den Pflegegrad und wie viel bis zum nächsten fehlt.
Punkte bei Demenz nachrechnen →Demenz und Pflegegrad: Der Vorführeffekt
Manche Menschen mit Demenz wirken beim Besuch der Gutachterin wacher und geordneter als im Alltag. Sie sagen „Das mache ich alles selbst“ – und im Gutachten steht womöglich „selbständig“. Der Medizinische Dienst soll Tagesformschwankungen aufnehmen und Angaben zu geistigen Fähigkeiten und Verhalten ausdrücklich erfragen (BRi Kap. 5.5.2). So bereiten Sie das vor:
- Pflegetagebuch ein bis zwei Wochen führen: wann, wobei und wie oft Erinnern, Anleiten, Beruhigen oder nächtliche Hilfe nötig war. Für Modul 3 zählt, wie oft Hilfe nötig ist (Pflegetagebuch-Vorlage).
- Unterlagen bereitlegen: Arztberichte, Medikamentenplan, Pflegetagebuch, Gutachten und Bescheide anderer Stellen. Darum bittet der Medizinische Dienst schon mit der Ankündigung (BRi Kap. 3.2.2.1).
- Pflegeperson dabei: Sie sollte beim Termin anwesend sein (BRi Kap. 3.2.2.1). Mehr zum Ablauf: Pflegebegutachtung.
- Getrenntes Gespräch: Die Gutachterin kann Pflegeperson und begutachtete Person einzeln befragen; auf Wunsch der antragstellenden Person soll das geschehen. Weichen die Angaben ab, muss das im Gutachten stehen (BRi Kap. 5.5).
- Hausbesuch: Erstbegutachtung und Begutachtung im Widerspruch finden nicht per Telefon oder Video statt (§ 142a Abs. 2 Satz 3 SGB XI; BRi Kap. 7.1.2). Bei kognitiven Beeinträchtigungen ist Telefon oder Video sonst nur mit Unterstützungsperson möglich (BRi Kap. 7.1.2).
- Direkt danach ein Gedächtnisprotokoll schreiben: Was wurde gefragt, was gesagt, wer war dabei.
Gutachten passt nicht zum Alltag?
- Modul 3 prüfen: Stehen Umherlaufen, nächtliche Unruhe oder Abwehr bei „nie oder sehr selten“, obwohl Sie deswegen jede Woche eingreifen müssen?
- Modul 4 prüfen: Steht „selbständig“, obwohl nur mit Aufforderung oder Anleitung gewaschen, gegessen oder getrunken wird?
- Modul 5 prüfen: Eine typische Klage – Medikamente werden dreimal täglich gerichtet, im Gutachten steht seltener oder gar nichts.
- Manchmal fehlen nur wenige Punkte bis zur nächsten Schwelle. Innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe ist ein Widerspruch gegen den Pflegegrad möglich (§ 84 Abs. 1 SGG) – mit Ihren eigenen Beobachtungen, nicht nur „nach Aktenlage“.
Häufige Fragen
Bekommt man bei Demenz automatisch einen Pflegegrad?
Nein. Weder Diagnose noch Stadium entscheiden, sondern wie selbständig der Mensch im Alltag ist; nötig sind mindestens 12,5 Gesamtpunkte, und der Hilfebedarf muss voraussichtlich mindestens sechs Monate bestehen (§ 14, § 15 SGB XI).
Welche Pflegestufe gibt es bei Demenz?
Keine mehr. Pflegestufen galten bis 31.12.2016; Menschen mit festgestellter erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz wurden 2017 mit doppeltem Stufensprung in Pflegegrade übergeleitet (§ 140 Abs. 2 SGB XI).
Wann bekommt man Pflegegrad 3 bei Demenz?
Ab 47,5 Gesamtpunkten. Modul 2/3 und Modul 6 bringen zusammen höchstens 30 Punkte, mindestens 17,5 weitere müssen aus Mobilität, Selbstversorgung oder Modul 5 kommen.
Zählt Erinnern und Anleiten als Hilfe?
Ja. Aufforderung ergibt „überwiegend selbständig“, umfassende Anleitung oder ständige Beaufsichtigung „überwiegend unselbständig“ (BRi Kap. 5.8.3).
Was tun, wenn die Person bei der Begutachtung fitter wirkt?
Pflegetagebuch vorlegen, als Pflegeperson dabei sein und bei Bedarf um ein getrenntes Gespräch bitten (BRi Kap. 3.2.2.1, 5.5).
Bescheid und Gutachten fotografieren: Sie sehen kostenlos, bis wann der Widerspruch da sein muss, und ob die Punkte im Gutachten richtig zusammengezählt sind. Den kurzen Brief zur Fristwahrung gibt es gratis. Das vollständige Schreiben mit Begründung kostet 99 € einmalig.
Kostenlos prüfen →Quellen
Alle Angaben geprüft am an den Originaldokumenten.
- § 14 SGB XI – Begriff der Pflegebedürftigkeit – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 15 SGB XI – Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- Anlage 1 SGB XI – Einzelpunkte der Module 1 bis 6 – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- Anlage 2 SGB XI – Bewertungssystematik – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 140 SGB XI – Anzuwendendes Recht und Überleitung in die Pflegegrade – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 142a SGB XI – Übergangsregelung für eine telefonische Begutachtung – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 84 SGG – Widerspruchsfrist und Form – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 20.05.2026
- Richtlinien des Medizinischen Dienstes Bund zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach dem SGB XI (Begutachtungs-Richtlinien, BRi) – Medizinischer Dienst Bund, vom 26.08.2026, in Kraft seit 01.10.2026
- Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung der Pflegeversicherung (Pflegeneuordnungsgesetz – PNOG), Gesetzentwurf der Bundesregierung – Bundesministerium für Gesundheit, Kabinettsbeschluss 30.09.2026
Dieser Ratgeber erklärt die Rechtslage allgemein. Er ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall – dafür sind z. B. Sozialverbände (VdK, SoVD), Pflegestützpunkte, Verbraucherzentralen oder eine Fachanwältin bzw. ein Fachanwalt für Sozialrecht da.