Pflegegrad bei psychischer Erkrankung: Was bei Depression zählt
Depression, Ängste oder Psychose führen nicht automatisch zu einem Pflegegrad. Welche Module psychische Erkrankungen erfassen, wie Modul 3 nach Häufigkeit bewertet wird, warum Pflegegrad 3 auch Punkte aus der Selbstversorgung braucht und wie Sie die Begutachtung vorbereiten.
Eine Depression, Angststörung oder Psychose führt nicht automatisch zu einem Pflegegrad. Entscheidend ist, ob die Erkrankung die Selbständigkeit oder die Fähigkeiten im Alltag so beeinträchtigt, dass Hilfe durch andere nötig ist (§ 14 Abs. 1 SGB XI). Psychische Beeinträchtigungen zählen dabei ausdrücklich mit.
Pflegegrad bei psychischer Erkrankung: Diagnose allein reicht nicht
- Der Medizinische Dienst bewertet sechs Module mit festen Kriterien, nicht Diagnosen. Im Gutachten genügt es nicht, nur Diagnosen aufzuzählen (BRi Kap. 5.5.2).
- Die Einschränkungen müssen voraussichtlich mindestens sechs Monate bestehen (§ 14 Abs. 1 SGB XI).
- Gezählt wird personelle Hilfe, auch Anleitung, Aufforderung und Motivation – nicht nur körperliches Anpacken (BRi Kap. 5.8.3).
- „Pflegestufe bei Depressionen“ gibt es nicht mehr: Pflegestufen galten bis 31.12.2016, seitdem gibt es Pflegegrade (§ 140 SGB XI).
Welche Module psychische Erkrankungen erfassen
| Modul | Was dort zählt (Beispiele) | Gewicht |
|---|---|---|
| 2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Erinnern (2.4), Alltagshandlungen steuern (2.5), Entscheidungen treffen (2.6) | 15 % – zusammen mit Modul 3, nur der höhere Wert zählt |
| 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | Wahnvorstellungen (3.9), Ängste (3.10), Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage (3.11), selbstschädigendes Verhalten (3.3), sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen (3.13) | s. Modul 2 |
| 4 Selbstversorgung | Waschen, Duschen, Anziehen, Essen – auch wenn „nur“ aufwendige Motivation oder umfassende Anleitung nötig ist | 40 % |
| 6 Alltagsleben und soziale Kontakte | Tagesablauf (6.1), Ruhen und Schlafen (6.2), Sichbeschäftigen (6.3), Planungen (6.4), Kontakte (6.5, 6.6) | 15 % |
Wichtig: Aus Modul 2 und Modul 3 fließt nur der höhere gewichtete Wert ein, nicht beide (§ 15 Abs. 3 SGB XI). Wie die Punkte entstehen: Pflegegrad-Punkte-Tabelle.
Depression und Pflegegrad: So wird Modul 3 bewertet
In Modul 3 zählt, wie oft die Person wegen ihres Verhaltens oder ihrer psychischen Lage Unterstützung durch andere braucht (Anlage 1 SGB XI; BRi Kap. 5.9.3):
| Häufigkeit | Einzelpunkte je Kriterium |
|---|---|
| nie oder sehr selten | 0 |
| selten: ein- bis dreimal in zwei Wochen | 1 |
| häufig: zweimal bis mehrmals pro Woche, nicht täglich | 3 |
| täglich | 5 |
- Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage (3.11): kaum Interesse, kaum Eigeninitiative, die Person braucht aufwendige Motivierung durch andere, um etwas zu tun (BRi F 4.3.11).
- Ängste (3.10): ausgeprägte, wiederkehrende Ängste, die die Person nicht selbst bewältigt – auch bei Depression oder Schizophrenie. Bloße Anwesenheit einer anderen Person ohne aktive Hilfe zählt nicht (BRi F 4.3.10).
- Wahnvorstellungen (3.9): etwa die Vorstellung, verfolgt, bedroht oder bestohlen zu werden (BRi F 4.3.9).
- Vorübergehende psychische Problemlagen oder gezieltes herausforderndes Verhalten, etwa im Rahmen von Beziehungsproblemen, werden nicht berücksichtigt. Hinweise auf relevante Problemlagen können etwa eine psychiatrische Behandlung, Psychotherapie, frühere (fach-)psychiatrische Klinikaufenthalte oder eine entsprechende Medikation, auch Bedarfsmedikation, sein (BRi Kap. 5.9.3).
Pflegegrad 2 oder 3 bei psychischer Erkrankung?
Modul 2/3 und Modul 6 bringen zusammen höchstens 30 von 100 Punkten (je 15, Anlage 2). Pflegegrad 2 beginnt bei 27, Pflegegrad 3 bei 47,5 Punkten (§ 15 Abs. 3 SGB XI). Für Pflegegrad 3 sind deshalb immer auch Punkte aus anderen Modulen nötig, etwa aus der Selbstversorgung (Gewicht 40 %). Ein ausgedachtes Rechenbeispiel, keine Prognose:
| Modul | Einstufung im Beispiel | gewichtete Punkte |
|---|---|---|
| 3 | 3.11 täglich (5) + 3.10 häufig (3) = 8 Einzelpunkte | 15 |
| 2 | 2.4 und 2.6 je „größtenteils vorhanden“ = 2 | 3,75 – zählt nicht, Modul 3 ist höher |
| 6 | 6.1, 6.3, 6.4, 6.6 je „überwiegend unselbständig“ (2) + 6.5 (1) = 9 | 11,25 |
| 4 | Duschen „überwiegend unselbständig“ (2) + Zahnpflege nur nach Aufforderung (1) = 3 | 10 |
| Summe | Module 1 und 5 hier ohne Punkte | 36,25 → Pflegegrad 2 |
Tragen Sie die Einstufungen aus dem Gutachten in den kostenlosen Pflegegrad-Rechner ein: Sie sehen die Punkte je Modul, den Pflegegrad und wie viel bis zum nächsten fehlt.
Punkte aus dem Gutachten nachrechnen →Warum psychische Erkrankungen oft unterschätzt werden
- Gute Tage: Am Begutachtungstag wirkt die Person stabil. Der Medizinische Dienst soll Tagesformschwankungen erfassen und bei wechselnder Ausprägung auf den Wochenverlauf abstellen (BRi Kap. 5.5.2, 5.8.3).
- Verschweigen: Manche spielen Beschwerden vor Fremden herunter. Der Medizinische Dienst kann Pflegeperson und antragstellende Person auch getrennt befragen; auf Wunsch der antragstellenden Person soll ein getrenntes Gespräch stattfinden (BRi Kap. 5.5).
- Unsichtbare Hilfe: Motivieren, Erinnern, Beruhigen fällt weniger auf als Waschen oder Heben – zählt aber, wenn es regelmäßig nötig ist.
- Gutachten weicht ab: Angehörige berichten etwa, dass im Gutachten „alles selbständig“ steht, obwohl beim Termin anderes geschildert wurde.
So bereiten Sie die Begutachtung vor
- Etwa zwei Wochen lang ein Pflegetagebuch führen: wann, wobei und wie oft Motivation, Beruhigung oder Erinnerung nötig war. Für Modul 3 zählt die Häufigkeit, die Stufe „selten“ ist auf zwei Wochen bezogen (Anlage 1 SGB XI).
- Unterlagen bereitlegen: ärztliche Unterlagen und Klinikberichte, Berichte von Therapeutinnen oder Therapeuten, aktuelle Medikamente, Pflegetagebuch, Gutachten und Bescheide anderer Sozialleistungsträger. Darum bittet der Medizinische Dienst schon mit der Ankündigung (BRi Kap. 3.2.2.1, 5.5.1).
- Die Pflegeperson sollte dabei sein (BRi Kap. 3.2.2.1). Mehr zum Ablauf: Pflegebegutachtung.
Gutachten mit 0 Punkten trotz Depression?
- Im Gutachten Modul 3 prüfen: Sind 3.10 und 3.11 mit „nie oder sehr selten“ bewertet, obwohl fast täglich Hilfe nötig ist?
- Modul 6 prüfen: Steht bei Tagesablauf, Beschäftigung und Kontakten „selbständig“, obwohl ohne Anstoß nichts passiert?
- Modul 4 prüfen: Wurde berücksichtigt, dass Duschen oder Anziehen nur mit aufwendiger Motivation gelingt?
- Abweichungen belegen und fristgerecht widersprechen: Widerspruch gegen den Pflegegrad, bei Ablehnung oder Pflegegrad 1: Pflegegrad abgelehnt.
ADHS und Depression bei Erwachsenen
Auch hier gilt: Die Diagnosen zählen nicht, sondern die Folgen. Gelingen Tagesablauf, Planungen oder Termine nur mit regelmäßiger Erinnerung und Anleitung, kann das vor allem in Modul 6 erfasst werden (Anlage 1 SGB XI; BRi F 4.6.1, F 4.6.4). Mehr dazu: Pflegegrad bei ADHS. Punkte überschlagen: Pflegegrad-Rechner.
Ab 2027 (Entwurf)
Nach dem Regierungsentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes sollen sich ab 2027 die Schwellen und einige Punktbereiche ändern; die Punktbereiche für Modul 2 und 3 bleiben gleich (Art. 1 Nr. 89). Maßgeblich soll der Tag des Antrags sein, bei Wiederholungsbegutachtungen der Tag der Begutachtung (§ 142b Abs. 1 neu, Art. 1 Nr. 86). Stand 16.10.2026, noch nicht beschlossen – mehr in Pflegereform 2027.
Häufige Fragen
Bekommt man bei Depression einen Pflegegrad?
Nicht wegen der Diagnose. Ein Pflegegrad setzt voraus, dass die Selbständigkeit voraussichtlich mindestens sechs Monate so eingeschränkt ist, dass mindestens 12,5 Punkte erreicht werden (§ 14, § 15 SGB XI).
Welches Modul erfasst psychische Erkrankungen?
Vor allem Modul 3 „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“, dazu Modul 2 und Modul 6. Aus Modul 2 und 3 zählt nur der höhere Wert (§ 15 Abs. 3 SGB XI).
Ist Pflegegrad 3 bei psychischer Erkrankung möglich?
Modul 2/3 und Modul 6 bringen zusammen höchstens 30 Punkte. Für Pflegegrad 3 ab 47,5 Punkten braucht es daher auch Einschränkungen in anderen Modulen, etwa der Selbstversorgung (§ 15 SGB XI, Anlage 2).
Zählt Motivation als Hilfe?
Ja. Ist bei einer Tätigkeit aufwendige Motivation auch während der Ausführung nötig, etwa bei Antriebsminderung, kann sie als „überwiegend unselbständig“ bewertet werden (BRi Kap. 5.8.3).
Gibt es noch eine Pflegestufe bei Depressionen?
Nein. Pflegestufen galten bis 31.12.2016, seit 2017 gibt es Pflegegrade (§ 140 SGB XI).
Bescheid und Gutachten fotografieren: Sie sehen kostenlos, bis wann der Widerspruch da sein muss, und ob die Punkte im Gutachten richtig zusammengezählt sind. Den kurzen Brief zur Fristwahrung gibt es gratis. Das vollständige Schreiben mit Begründung kostet 99 € einmalig.
Kostenlos prüfen →Quellen
Alle Angaben geprüft am an den Originaldokumenten.
- § 14 SGB XI – Begriff der Pflegebedürftigkeit – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 15 SGB XI – Ermittlung des Grades der Pflegebedürftigkeit – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- Anlage 1 SGB XI – Einzelpunkte der Module 1 bis 6 – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- Anlage 2 SGB XI – Bewertungssystematik – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- § 140 SGB XI – Anzuwendendes Recht und Überleitung in die Pflegegrade – Bundesamt für Justiz, gesetze-im-internet.de, zuletzt geändert 24.07.2026
- Richtlinien des Medizinischen Dienstes Bund zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach dem SGB XI (Begutachtungs-Richtlinien, BRi) – Medizinischer Dienst Bund, vom 26.08.2026, in Kraft seit 01.10.2026
- Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung der Pflegeversicherung (Pflegeneuordnungsgesetz – PNOG), Gesetzentwurf der Bundesregierung – Bundesministerium für Gesundheit, Kabinettsbeschluss 30.09.2026
Dieser Ratgeber erklärt die Rechtslage allgemein. Er ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall – dafür sind z. B. Sozialverbände (VdK, SoVD), Pflegestützpunkte, Verbraucherzentralen oder eine Fachanwältin bzw. ein Fachanwalt für Sozialrecht da.